Sommermeisterschaft 2026 – Thema „Streetfotografie“

Sommermeisterschaft 2026 - Fußgänger mit langem Schatten
Streetfotografie gehört zu den spannendsten, aber auch anspruchsvollsten Genres der Fotografie. Es geht nicht nur darum, Menschen im öffentlichen Raum abzubilden, sondern flüchtige Augenblicke einzufangen, Geschichten anzudeuten und den Betrachter zum Nachdenken anzuregen. Entsprechend lebhaft verlief auch die Bildbesprechung unserer Sommermeisterschaft, bei der neun sehr unterschiedliche Interpretationen des Themas eingereicht wurden.

 

Fußgänger mit langem Schatten
 
Platz 1: Raimund – Fußgänger mit langem Schatten – Ø 6,96 Punkte

 
Den Sieg sicherte sich Raimund mit einer S/W Aufnahme, die auf den ersten Blick durch ihre grafische Wirkung besticht. Eine einzelne Person bewegt sich durch ein Meer aus Licht und Schatten, wobei der lange Schatten fast zur eigentlichen Hauptfigur wird. Die Bewegung folgt den Fugen der Bodenplatten und erzeugt eine Dynamik, die das Auge durch das Bild führt.
 
In der Diskussion wurde besonders hervorgehoben, dass dieses Bild mit keiner klassischen Gestaltungsregel arbeitet und gerade deshalb so spannend wirkt. Trotz der extremen Lichtsituation bleiben sämtliche Strukturen erhalten – nichts frisst aus, jede Bodenplatte besitzt ihre eigene Textur. Raimund verriet außerdem, dass eine Serienaufnahme notwendig war, um genau diese perfekte Schrittstellung einzufangen. Ein schönes Beispiel dafür, dass gute Streetfotografie oft Geduld und Ausdauer verlangt.
 
Mit einem hervorragenden Durchschnitt von 6,96 Punkten setzte sich Raimund knapp an die Spitze des Wettbewerbs.
 
Herzlichen Glückwunsch zum Gewinn der Sommermeisterschaft 2026

 

LED-beleuchteter Innenraum
 
Platz 2: Ingo – LED-beleuchteter Innenraum – Ø 6,71 Punkte

 
Ganz anders präsentiert sich das zweitplatzierte Bild von Ingo. Statt klassischer Straßenszene zeigt es einen futuristisch wirkenden Innenraum, der von kräftigen Blau- und Magentatönen geprägt wird. Die wenigen Personen treten beinahe hinter der intensiven Lichtstimmung zurück und werden Teil einer fast filmischen Inszenierung.
 
Gerade diese ungewöhnliche Interpretation sorgte für Diskussionen. Einige Clubmitglieder stellten die berechtigte Frage, ob dieses Motiv noch eindeutig der Streetfotografie zuzuordnen sei. Andere lobten gerade den Mut, das Genre einmal anders zu interpretieren. Einigkeit bestand darüber, dass das Bild vor allem von seinem außergewöhnlichen Farbeindruck lebt, auch wenn das Schild oben rechts den Blick etwas ablenkt.
 
Mit 6,71 Punkten fehlte Ingo letztlich nur ein kleines Stück zum Gesamtsieg.

 

Bushaltestelle vor der Glasfassade
 
Platz 3: Volker – Bushaltestelle vor der Glasfassade – Ø 6,54 Punkte

 
Den dritten Platz belegte Volker mit einer klassischen Streetaufnahme, die durch Spiegelungen und unterschiedliche Handlungsebenen überzeugt. Während die Frau links ganz in ihr Smartphone vertieft ist, scheinen die beiden anderen Personen deutlich stärker mit ihrer Umgebung zu interagieren. Die Glasfassade verbindet Realität und Spiegelbild zu einer vielschichtigen Komposition.
 
In der Bildbesprechung wurde das Motiv als eine Art besonderes Selbstporträt interpretiert. Das ausgezeichnete Framing sowie die bewusste Entscheidung für Schwarzweiß verleihen dem Bild Ruhe und Konzentration auf das Wesentliche. Gerade diese Reduktion macht den Reiz der Aufnahme aus und lädt dazu ein, länger hinzusehen.
 
Mit 6,54 Punkten lag Volker nur knapp hinter den beiden Erstplatzierten – ein Beleg dafür, wie eng die Spitzengruppe in diesem Wettbewerb zusammenlag.
 
Auch Ingo und Volker herzlichen Glückwunsch zu den Platzierungen.

 
Platz 4 – Dittmar – Frau im Rollstuhl
 
Dittmars Aufnahme erzählt eine kleine, fast skurrile Geschichte. Eine Frau sitzt in ihrem Rollstuhl auf einem Behindertenparkplatz und beschäftigt sich mit ihrem Smartphone, während die massive Steinmauer den Blick begrenzt und zugleich Neugier auf das weckt, was außerhalb des Bildes liegt.
 
Im Club wurde gerade diese Ambivalenz gelobt. Die große Mauer wirkt beinahe erdrückend und lenkt den Blick konsequent auf die Protagonistin. Gleichzeitig wurde das Bild als angenehm ironisch beschrieben – die Dame scheint förmlich „abgestellt“ worden zu sein. Kritisch angemerkt wurde lediglich, dass die kräftige Farbbearbeitung und die Vignette für ein Streetfoto etwas zu dominant erscheinen.

 
Platz 5 – Wilfried – Obdachloser in der Altstadt
 
Wilfrieds Bild zeigt einen Mann vor einer Häuserzeile, eingerahmt von den Schildern einer Wohnungslosenhilfe und eines Goldschmieds. Genau dieser Gegensatz prägte auch die Diskussion des Abends. Kaum ein anderes Bild erzählt seine Geschichte so unmittelbar und ohne große Interpretation.
 
Besonders hervorgehoben wurde die würdevolle Haltung der dargestellten Person. Trotz seiner schwierigen Lebenssituation wirkt er keineswegs bemitleidenswert, sondern strahlt Ruhe und Selbstachtung aus. Lediglich das Hochformat wurde von einigen Mitgliedern als etwas zu großzügig empfunden, da der obere Bildbereich wenig zur eigentlichen Aussage beiträgt.

 
Platz 6 – Dietmar – Beine und Schatten
 
Dietmar konzentriert sich konsequent auf Formen, Linien und Licht. Von der Person sind lediglich die Beine zu sehen, während lange Schatten über den Boden wandern und den eigentlichen Bildinhalt bestimmen.
 
Die Diskussion machte deutlich, dass gerade diese Reduktion den Reiz des Bildes ausmacht. Die ungewöhnliche Perspektive regt zum Nachdenken an, weil zunächst gar nicht klar ist, wodurch die langen Schatten entstehen. Die Person scheint regelrecht von den Schatten geführt zu werden. Gleichzeitig wurde deutlich, wie schwierig eine solche Aufnahme in der Praxis umzusetzen ist – zahlreiche Versuche waren nötig, bis Beinhaltung, Bewegung und Schatten harmonisch zusammenpassten.

 
Platz 7 – Jörg-Ilja – „Fishing vs. Hunting“
 
Mit seiner Gegenüberstellung zweier Fotografiestile wählte Jörg-Ilja einen eher konzeptionellen Ansatz. Die Montage versteht sich als augenzwinkernde Hommage an einen Clubvortrag über Streetfotografie und zeigt zwei unterschiedliche Herangehensweisen an das Genre.
 
Gerade diese Idee wurde im Club erkannt und gewürdigt. Gleichzeitig wurde angemerkt, dass die Präsentation etwas belehrend wirkt und damit mehr an einen Vortrag als an ein einzelnes Wettbewerbsbild erinnert. Als kreativer Beitrag sorgte das Bild dennoch für viele Schmunzler und eine lebhafte Diskussion.

 
Platz 8 – Oliver – Schlafplatz unter der Brücke
 
Oliver richtet den Blick auf ein gesellschaftlich relevantes Thema. Der improvisierte Schlafplatz unter einer Brücke vor Luxusimmobilien dokumentiert eindrucksvoll die Lebenswirklichkeit eines unbekannten Menschen.
 
Die Bildbesprechung machte jedoch deutlich, warum das Bild nicht weiter vorne landete. Viele vermissten die Person selbst. Gerade ihre Anwesenheit hätte der Aufnahme vermutlich die entscheidende Geschichte verliehen. Auch ein engerer Beschnitt auf die Schlafstätte sowie eine ausgewogenere Helligkeitsverteilung wurden als Verbesserungsvorschläge genannt.

 
Platz 9 – Benno – Publikum vor der Bühne
 
Den Abschluss bildet Bennos Aufnahme einer Veranstaltungsszene. Das Bild überzeugt durch seine warme Farbigkeit und eine angenehme Atmosphäre. Der öffentliche Raum als Austragungsort erfüllt grundsätzlich das Wettbewerbsthema.
 
In der Diskussion wurde jedoch angemerkt, dass die eigentliche Geschichte nur bedingt vorhanden ist. Die Menschen sitzen aufmerksam vor der Bühne, doch ein besonderer Moment oder eine überraschende Interaktion bleibt aus. Dadurch wirkt das Bild eher wie eine gelungene Veranstaltungsdokumentation als wie klassische Streetfotografie.

 
Fazit
 
Die Sommermeisterschaft zeigte eindrucksvoll, wie unterschiedlich Streetfotografie interpretiert werden kann. Zwischen grafischen Schwarzweißkompositionen, sozialdokumentarischen Motiven und experimentellen Farbwelten lagen oft nur wenige Zehntelpunkte. Gerade die intensive Diskussion machte deutlich, dass in der Streetfotografie weniger die technische Perfektion als vielmehr Geschichte, Timing und Bildidee über die Wirkung einer Aufnahme entscheiden.
Die knappen Punktabstände der drei Erstplatzierten unterstreichen dies eindrucksvoll: Zwischen Erst- und Drittplatziertem lagen gerade einmal 0,42 Punkte.

Vielen Dank an Alle, die wieder mitgemacht haben.

 
Text: Jörg-Ilja Haußmann und Dittmar Graf

 

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